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Sag zum Abschied leise: Epic.

[Spoilerfrei] Als Marvel Infinity War in die Kinos entließ, war es zwar kein Wagnis, aber ein Novum sich nicht mit der Einführung von Charakteren aufzuhalten. Die Logik dahinter war so simpel wie einleuchtend: Wir haben keine Zeit, Figuren vorzustellen, die uns bereits seit zwanzig oder mehr Filmen begleiten. Mit Endgame folgt nun die Zusammenführung und Auflösung von Storyfäden, die ebenso lange im Hintergrund, in Nebensätzen und After Credit Scenes und natürlich auch im Hauptplot aller Filme des MCU angelegt wurden. Die Gerüchteküche brodelt seit Monaten, der Begriff “Fantheorie” treibt mittlerweile jeden in den Wahnsinn und Spoiler werden in die Timelines von Twitter, Instagram und Facebook gespült. Wo sind die Uploadfilter, wenn man sie braucht? Und viel wichtiger: Wie ist denn jetzt der Film?

[Immer noch ohne Spoiler] Groß. Größer. Den Superlativ muss man sich aufheben, nicht nur, weil es weise ist, sondern weil Vielzahl nicht unbedingt Größe ausmacht. Visuell ist Endgame sehr konventionell und fügt sich stilistisch perfekt in das aus dem eigenen Universum gewohnte Gesamtbild ein. Die Optik überwältigt allerdings in den Details genauso sehr wie in den großen Dingen vor allem mit der Anzahl an Objekten, Figuren und Effekten. Dass es nebenher auch gelungen ist, die Atmosphäre einer Welt, die immer noch mit den Folgen des Vorgängerfilms Infinity War zu kämpfen hat, auch in den ruhigen Szenen gut einzufangen, bemerkt man nur am Rande. Denn wer hat die Zeit und Aufmerksamkeit, Bildanalyse zu betreiben, wenn die zahllosen Figuren emotional beständig am Rand der eigenen Belastbarkeit operieren und mit Traumata zu kämpfen haben?

Wer unvorbereitet im Kinosaal sitzt, wird zwar den Grundplot verstehen aber von den zahllosen Instanzen, in denen auf die vergangenen Abenteuer verwiesen wird, durchweg abgelenkt werden. Im Gegenzug werden diejenigen belohnt, die sich im MCU sehr gut auskennen, für sie werden einzelne Passagen zu einem bewegten Wimmelbild der kleinen Schätze. Dieses Prinzip der Belohnung von Wissen um und Treue für die Figuren und Geschichten der letzten Jahre, weitet sich auch auf Comicleser aus, die den übrigen Zuschauern ohnehin voraus sind. Bei der späten Ernte der Früchte, die schon vor Jahren in kleinen Momenten und Dialogfetzen gesät wurden, stehen sie an vorderster Front.

Damit Endgame nicht alleine zum Schaulaufen der eigenen Konventionen, Gags und Charaktere verkommt, bedarf es einer enormen Fallhöhe. Diese liefert nicht nur die stetige Frage, ob Marvel bei diesem anhaltenden Kunststück ein inhaltlich und qualitativ konsistentes Filmuniversum zu bauen und aufrechterhalten, vielleicht dieses Mal auf die Schnauze fällt, sondern auch der Plot. Dass es um das Schicksal der Erde geht, ist so normal und abgenutzt für einen Superheldenfilm, dass schon in Infinity War klar wurde: Thanos hat es auf das Universum (oder genauer: die Hälfte seiner gesamten Bevölkerung) abgesehen und – so viel Spoiler sei erlaubt – gesiegt.

Für den Zuschauer mag der Verlust von Milliarden fremder Lebewesen nur eine abstrakte Zahl sein, das Schicksal der Avengers und deren Angehöriger hingegen – das ging für viele an die Substanz. Die Hoffnung, Thanos Massenmord rückgängig zu machen, die Angst davor, lieb gewonnene Figuren bei diesem Kampf zu verlieren, schraubt die Fallhöhe bis zum Anschlag.

Endgame ist ein Film, der die Geschichten von 22 Filmen zusammenführen, kommentieren, finalisieren und emotional zufriedenstellend beenden soll, während es gleichzeitig dabei helfen muss, das Fundament für die Zukunft des MCU zu legen und – so ganz nebenher – auch noch eine eigenständige Geschichte erzählen muss.

Dieses Projekt kann unmöglich ohne Plotlöcher stattfinden, insbesondere in diesem Universum voller Kreaturen und Helden mit kosmischen Kräften und Technologien. Wer hier die Kritikerbrille aufsetzt und sie nicht wieder wohlwollend ablegt, hat das Genre nicht verstanden.

Etwas schwieriger ist der Umgang mit der berüchtigten “Marvel Formel” die oftmals den kalkulierten Bruch emotionaler Anspannung mit harmlosen Gags vorsieht – Comic Relief im ursprünglichen Sinne. In der Vergangenheit haben die einzelnen Filme (beim MCU die Verantwortung auf die kreative Kontrolle einzelner Köpfe abzuwälzen fällt zunehmend schwer – sowohl bei Lob als auch Kritik) nicht immer ein gutes Händchen hierbei bewiesen: Mal waren es für einige Zuschauer zu viele Gags, hin und wieder wurden emotional starke Momente nicht “angenehm gebrochen” sondern beinahe entwertet.

Diese Gefahr besteht dieses Mal nur bedingt, jedoch gibt es einen Aspekt, der wiederholt sauer aufstößt: In Folge der traumatischen Entwicklungen zieht sich einer der Helden immer mehr zurück und verändert sich psychisch wie physisch. Dass die körperliche Erscheinung der Figur sein Innenleben teilweise widerspiegelt, beziehungsweise die Folgen des Traumas auch auf körperlicher Ebene zeigt, ist logisch und sinnvoll. Aber gerade diese Veränderung in ständer Wiederholung als Anlass beleidigender Komik zu nutzen, wirkt deplatziert und selbst auf reiner Comedyebene billig und faul.

Die wichtigen Plotentwicklungen hingegen, sind elegant, zielführend und organisch: Nicht nur aufgrund von äußeren Umständen (wie lange wollen einzelne Darsteller noch ihre Figuren spielen?) sondern auch dank fiktionaler Halbwertszeit stehen dieses Mal viele Charaktere des MCU auf der Abschussliste. Die Entscheidungen über das “wie” – sei es bei dem Gestalten eines Abschieds oder den gewählten Taktiken der Kämpfer auf beiden Seiten – sind stets in der Psychologie der entsprechenden Figuren verankert. So konsequent wie die Figuren sind, so gestalten sich auch ihre Schicksale. Hier liegt die wahre Stärke des Films und auch der gigantischen Welt um ihn herum: Publikum und Filmemacher kennen und lieben die Figuren so sehr, dass beide Seiten mitleiden, mitfiebern, mitfeiern. Endgame steht nicht nur im Titel als Ende für das alte MCU, der Film schließt in der Tat mit vielem ab.

Es wird dennoch weitergehen, niemand weiß wie gut oder erfolgreich. Von Iron Man 1 bis hin zu Endgame lieferte Marvel Studios Unterhaltung auf höchstem Niveau und jagte dabei Rekorde an der Kinokasse. Am Ende steht ein massives, großes Epos, das vermutlich bald der erfolgreichste Film des Jahres und vorübergehend der erfolgreichste Film aller Zeiten werden wird. So anstrengend es gewesen sein muss, dieses Mammutwerk der Popkultur zu erschaffen, so erschöpfend ist es auch, es zu konsumieren. Man wird sehen, ob die Geschichten nun wieder kleiner werden.

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