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Mottenkiste: „Guter Bulle, böser Böhmermann“

MotteAn diesem Sonntagabend ist es soweit: Die lang erwartete Premiere des brandheißen und nagelneuen Talkformates „Schulz und Böhmermann“ startet im linearen Fernsehen.

Allerorten kann man in diesem Netz nun vorab Kritiken über die erste Folge lesen – hier nicht. Aktualität ist eine Sünde, die man mir nun wirklich selten vorwerfen kann.

Schamlos das eigene Archiv ausnutzend veröffentliche ich etwas aus meiner Mottenkiste (die Kategorie und das zugehörige hübsche Bild von Maja wollten endlich mal wieder genutzt werden) und biete euch zum historischen Abgleich meine TV-Kritik zur Premierensendung von „Roche und Böhmermann“. 

TV-KRITIK „ROCHE & BÖHMERMANN“

Guter Bulle, böser Böhmermann

Charlotte Roche und Jan Böhmermann moderieren gemeinsam die „Gesprächssendung“, die ihren Namen trägt. (Foto: ZDF/Phillippe Fromage)

In einer Miniaturausgabe des „War Room“, in dem in Stanley Kubriks „Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben“ über Wohl und Wehe der Welt entschieden wurde, durften sie sich austoben: Charlotte Roche und Jan Böhmermann talkten zum ersten Mal gemeinsam in der eigenen Sendung und zeigten auf ganzer Strecke, was sie von vielen ihrer Talkkollegen unterscheidet.

So banal es klingen mag, Roche und Böhmermann strahlen Spaß am eigenen Job aus. Es ist kein Zufall, dass die puristisch gestaltete Sendung mit einem ebenso simplen Titel daherkommt. Das neue Format, das die beiden im ZDF-Digitalkanal ZDF.kultur präsentieren, passt dem Duo wie ein Maßanzug mit Wohlfühlgarantie.

Roche kann mit ihrer authentischen Art sowohl bei Publikum, als auch bei Gästen so sehr punkten, dass die Atmosphäre schnell heimelig wird. Nicht nur der teure Whisky suggeriert, dass den Gästen hier keine Gefahr droht, ihre Persönlichkeit mehr zu entblößen als gewollt, oder sich Fragen zu stellen, mit deren Beantwortung man sich am nächsten Tag in den negativen Schlagzeilen wiederfindet. Eigentlich paradox, möchte man meinen, aber wer das Getränk ablehnt, verrät automatisch so viel wie der, der dank der gelockerten Zunge etwas mehr reden könnte.

So läuft die Talkrunde mit den Gästen Sven Marquardt, Jorge Gonzales, Sido, Marina Weisband und Britt Hagedorn zunächst locker persönlich, aufgrund der bunten und sehr vielversprechenden Gästeauswahl auch unterhaltend ab. Die eigentliche Gefahr, der böse Bulle im Verhörspiel, sitzt seiner Kollegin Roche gegenüber. Böhmermann lebt seine öffentliche Rolle über die gesamte Distanz aus, mal fast belastend ironisierend und albern, mal sehr kritisch und in der Sache ernst. Das Gemeine dabei: Der Tonfall ist bei Ironie, Scherz und Flappsigkeit ebenso spitzbubenhaft wie bei Ernstem und Kritischem – hinzu kommt ein ausgezeichnetes Timing.

Wenn Böhmermann mitten in der Sendung eine Frage zurückzieht und sie neu drehen lassen will, weil ihm die Antwort nach eigener Angabe nicht passt, nur um dann alles anders zu machen und damit die Gäste hinters Licht zu führen, hat das Methode. Mit der Umkehrung der Konventionen irritiert er auch die medienfesten Talkprofis – zur Freude seiner selbst und im Dienste der Sendung und damit des Zuschauers.

Konsequenter Stil, hoher Produktionswert

Da gibt es dann noch den, immer wieder gerne vernachlässigten, Produktionswert. Hier hat man wirklich alles richtig gemacht, die Sendung ist durchgängig in einem Retrolook gestaltet, dessen Fixpunkt der martialische runde Tisch ist. Altmodische Mikrofone, Zettelreichungen statt Knopf im Ohr, Alkohol auf dem Tisch und freiwillige Selbstzensur statt Political Correctness – der Stil und das Konzept funktionieren, weil sie konsequent sind und zusammen gehören. Kamera, Schnitt und Einspieler sind auf extrem hohem Niveau – man darf spekulieren, dass Produktionsteam und Redaktion genauso viel Spaß wie die beiden Moderatoren haben.

Ob sich die Sendung auf diesem Niveau halten kann? Auf Dauer? Mit Gästen, die eventuell weniger stark und unterhaltsam sind? Die Tatsache, dass der Redeanteil vieler Mitglieder dieser ersten Runde sehr niedrig war, dass nur wenige sich trauten sich mit den Gastgebern ernsthaft in einen Streit zu begeben lässt ahnen: „Roche & Böhmermann“ hatten nicht nur einen guten Start, da geht noch wesentlich mehr.

„Roche & Böhmermann“ feierte am 4. März 2012 um 22 Uhr auf dem Spartenkanal ZDF.kultur Premiere. Laut Angaben der Branchenseite „DWDL“ schaffte es die wöchentliche Talksendung auf im Schnitt 50.000 Zuschauer, das entspricht einem Marktanteil von 0,2 Prozent – mehr als jede andere ZDF.kultur-Sendung am Ausstrahlungstag.„Roche & Böhmermann“ ist mittlerweile jüngere TV-Geschichte, die Nachfolgesendung kann es noch werden. Dieser Artikel erschien ursprünglich am 05.März 2012 auf newscho.de.

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